Hip Hop

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Die Entstehung des Hip-Hop

Die South Bronx verwandelte sich in den 1960er- und 70er-Jahren durch verfehlte Stadtplanung, den Bau des Expressway, den Abzug der Industrie und die Abwanderung der weißen Mittelschicht in ein sozial und wirtschaftlich abgehängtes Viertel. In den 1970ern folgte eine beispiellose Welle von Brandstiftungen, bei der Vermieter Gebäude aus Profitgründen anzündeten. Ganze Straßenzüge wurden zu kriegsähnlichen Trümmerlandschaften, geprägt von extremer Armut, Kriminalität und Drogennot.

Aus dieser Trostlosigkeit entstand in den Wohnblöcken jedoch eine globale Kulturrevolution: Jugendliche schufen Hip-Hop als Überlebensventil und Ausdrucksform gegen die Vernachlässigung durch Politik und Gesellschaft. Sie entwickelten eigene Werte, Codes und Rituale als kreativen Gegenentwurf zu einer „heilen Welt“, die sie systematisch ausschloss.

Die Gründergeneration bestand vor allem aus afroamerikanischen Jugendlichen – Kindern der Bürgerrechtsbewegung – sowie Kindern von Migranten aus Jamaika, Puerto Rico, Haiti, Kuba und anderen Ländern. Aufgewachsen in engen Wohnungen und ohne Geld für Freizeitangebote, machten sie die Straße zu ihrer Bühne. In Parks und bei Blockpartys verschafften sie sich durch DJing, Breaking, Graffiti und Rap Respekt und Identität. Während Gangs oft eine ähnliche Funktion erfüllten, schufen die Jugendlichen einen eigenen Kosmos, in dem Status und Anerkennung nicht von Herkunft, sondern von Talent, Stil und Skills abhingen.

Aus diesem Überlebenskampf entstanden die fünf Säulen des Hip-Hop.

1. DJing

Als Pioniere dieser Ära gelten Kool DJ Herc und Grandmaster Flash. Ihre Wurzeln lagen unter anderem in der jamaikanischen Sound-System-Kultur, im Reggae und Dub sowie in Funk und Soul.

Clive Campbell, alias Kool DJ Herc, zog 1967 aus Kingston nach New York und brachte die Tradition jamaikanischer Blockpartys mit. Um sich dem New Yorker Geschmack anzupassen, suchte er in Plattenläden nach seltenen Funk- und Soul-Beats. Bei den Open-Air-Blockpartys traten DJs gegeneinander an: Wer die seltensten Platten besaß, zog die Menge an. Herc kratzte teilweise sogar die Papierlabels von seinen Platten ab, damit Konkurrenten seine Singles nicht erkannten.

Er bemerkte, dass Tänzer besonders auf die kurzen, rhythmuslastigen Passagen – die Breaks – warteten. Deshalb entwickelte er das Breakbeat-DJing. Mit zwei identischen Platten verlängerte er diese tanzbaren Stellen zu endlosen Loops.

Technisch weiterentwickelt wurde diese Kunst von Joseph Saddler, bekannt als Grandmaster Flash. Seine Eltern stammten aus Barbados. Sein Vater war begeisterter Plattensammler. Es galt für Joseph aber die Regel: Finger weg von Stereoanlage und Plattenspieler!

Flash war jedoch von Rhythmen, Bässen und der Mechanik von Schallplatten besessen. Heimlich studierte er die Anlage und probierte aus, was geschah, wenn man Platten im richtigen Moment stoppte oder anfasste oder an der Anlage selbst herumschraubte, denn durch seine Ausbildung als angehender Elektriker verstand er Audiotechnik als Werkzeug. Da das vorhandene Equipment seinen Ideen nicht genügte, baute er eigene Schalter und eine improvisierte Kopfhörerschaltung und lötete sie an einen einfachen Mikrofonmixer. Dadurch konnte er Songs präzise vorhören und nahtlos ineinander übergehen lassen.

Auf dieser Grundlage entwickelte bzw. perfektionierte Flash Techniken wie Cutting, Backspinning und Phasing, die bis heute zum Grundvokabular von DJs gehören. Im Gegensatz zum eher konzentrierten Kool DJ Herc machte Flash seine Sets zu einer Liveshow und bediente die Decks teilweise mit den Füßen oder hinter dem Rücken. Das Scratchen erfand er allerdings nicht selbst – diese Technik wird seinem Weggefährten und Schützling Grand Wizard Theodore zugeschrieben. Flash perfektionierte sie jedoch und integrierte sie in seine komplexen Mixe.

Ende der 1970er-Jahre rekrutierte Flash MCs, die über seine Musik rappten. Die Gruppe wurde als Grandmaster Flash and the Furious Five bekannt. Mit The Adventures of Grandmaster Flash on the Wheels of Steel wurde Turntablism einem größeren Publikum zugänglich. Flash war außerdem der erste DJ, der ein eigenes Album produzierte. 1982 setzte die Formation mit dem legendären Album The Message einen weiteren Meilenstein.

Don't push me cause I'm close to the edge - I'm trying not to lose my head - It's like a jungle sometimes - It makes me wonder how I keep from goin' under

2. MCing – Rap

Die Wurzeln des modernen MCing und Rappings reichen ebenfalls in die jamaikanische Sound-System-Kultur zurück. Beim Toasting sprachen DJs oder Entertainer rhythmisch über Instrumental- oder Dub-Versionen, heizten die Menge an und griffen Konkurrenten an. Beim Dub Talk Over wurden Sprecheinlagen mit Bässen, Drums und starken Halleffekten kombiniert.

Als Kool DJ Herc 1967 nach New York kam, brachte er diese Tradition mit. Bei seinen Blockpartys heizte er das Publikum zunächst selbst mit melodischen Grüßen und Parolen über das Mikrofon an. Da er sich auf seine Plattenspieler und das Breakbeat-DJing konzentrieren wollte, übergab er das Mikrofon an seinen Freund Coke La Rock. Coke La Rock legte damit den Grundstein für die Rolle des MCs im Hip-Hop. Seine Beiträge bestanden zunächst aus Party-Ansagen, Shoutouts und Parolen.

Rap wurde unter anderem durch die afrikanische Griot-Tradition geprägt, bei der Geschichten und gesellschaftliche Erfahrungen rhythmisch und mündlich weitergegeben wurden. Beeinflusst vom schnellen Sprech schwarzer US-Radio-DJs, lokalem Street-Slang und der jamaikanischen Sound-System-DNA entstand daraus nach und nach der urbane Sprechgesang.

Mit der ersten Generation von Rappern entwickelte sich daraus ein sprachlich und kreativ anspruchsvolleres Genre. Pioniere wie Grandmaster Caz, Kurtis Blow, Keith „Cowboy“ Wiggins und Melle Mel wurden von Party-Anheizern zu Geschichtenerzählern. Sie entwickelten durchdachte Texte, machten Rap durch erste Charterfolge kommerziell salonfähig und prägten seinen sozialkritischen Anspruch.

3. Breaking

Breaking wurde Anfang der 1970er-Jahre in New York geboren. Die Szene entstand besonders unter afroamerikanischen und puerto-ricanischen Jugendlichen und nutzte die Blockpartys von DJs wie Kool DJ Herc als kreatives Ventil. Wenn Herc einen Schlagzeug-Break loopte und „B-Boys go down!“ rief, stürmten B-Boys und B-Girls in die Mitte des Kreises.

Die frühen Formen unterschieden sich vom heutigen Breaking. Anfang der 1970er-Jahre tanzten B-Boys zunächst überwiegend aufrecht und entwickelten ihren Stil aus Rocking, afroamerikanischen Funk- und Social Dances sowie Einflüssen aus Soul und lateinamerikanischen Tänzen. Rocking war ein eigenständiger, wettkampforientierter Streetdance. Mit der Zeit wurde das Breaking zunehmend durch Floorwork, Drops, Spins und akrobatische Bewegungen erweitert. Auch Einflüsse aus Kung-Fu-Filmen, Locking, Pantomime und anderen Bewegungsformen und Tänzen flossen in die Entwicklung ein.

Erst gegen Ende der 1970er und Anfang der 1980er entwickelten vor allem puerto-ricanische Jugendliche in New York, die Nuyoricans, die spektakulären Bodenakrobatiken und Powermoves wie Windmills und Headspins. Zu den frühen Crews gehörten unter anderen die Zulu Kings, die Bronx Boys, die Salsoul Crew, und StarChild La Rock. Ende der 1970er-Jahre entstanden mit der Rock Steady Crew und den Dynamic Rockers weitere prägende Crews. Besonders die Rock Steady Crew machte Breaking durch ihre Battles, Auftritte und späteren Medienauftritte international bekannt.

Für Jugendliche in der von Armut, Kriminalität und Bandenkriegen geprägten South Bronx hatte Breaking eine wichtige soziale Funktion. Battles auf dem Pappkarton boten eine friedliche Alternative zu realer Gewalt: Rivalitäten wurden durch Kreativität und sportlichen Wettkampf ausgetragen. Respekt entstand durch schwierige Moves, während die Crews Ersatzfamilie, Ehrenkodex, Identität und Zugehörigkeit boten.

Filme wie Flashdance (1983) und besonders das von Harry Belafonte produzierte Beat Street (1984) machten Breaking weltweit bekannt. Flashdance zeigte erstmals kurz die Rock Steady Crew vor einem Millionenpublikum, während Beat Street die gesamte urbane Kultur mit echten Ikonen wie Grandmaster Flash und Afrika Bambaataa präsentierte.

4. Graffiti – Writing

Ende der 1960er-Jahre begannen Jugendliche in New York, selbstgewählte Spitznamen kombiniert mit Haus- oder Straßennummern mit Markern und Sprühdosen an Wände zu schreiben. Dieses Spiel um Sichtbarkeit wurde Getting Up genannt.

Seinen Durchbruch erlebte es durch den griechischen Einwanderersohn Demetrios, der als Botenjunge unter dem Namen TAKI 183 in der ganzen Stadt auftauchte. Ein Artikel der New York Times von 1971 machte ihn bekannt und löste eine Welle von Nachahmern aus.

Der Writer Super Kool 223 soll die Technik weiterentwickelt haben, indem er die Standarddüse seiner Sprühdose gegen die Kappe einer Ofenreiniger-Dose austauschte. Dadurch entstanden breitere und kräftigere Linien – ein früher Vorläufer des Fat Cap. Mit dieser Technik schuf er auf einem U-Bahn-Waggon eines der frühen farbigen Masterpieces, mit Schatten, Highlights, Sternen und Polka Dots. Graffiti wurde so zu einer Möglichkeit, sich im grauen Beton sichtbar zu machen und den öffentlichen Raum symbolisch zurückzuerobern. Ganze Schulklassen liefen zum Fenster als der SuperKool Train vorbeifuhr.

Aus den einfachen Tags entwickelte sich in den 1970ern eine komplexe Kunstform mit eigenen Regeln und wachsendem Stilbewusstsein. PHASE 2 prägte den futuristischen Wild Style, während SEEN, der „Godfather of Graffiti“, mit monumentalen Whole Cars Maßstäbe setzte. Viele dieser Werke wurden später durch Waschanlagen der Transit Authority entfernt; gleichzeitig wurde die Szene zunehmend kriminalisiert und verfolgt.

Die Dokumentation Style Wars und insbesondere Charlie Ahearns Film Wild Style (1983), der vom ZDF mitfinanziert wurde, trugen entscheidend zur weltweiten Bekanntheit der New Yorker Hip-Hop-Kultur und Graffiti bei. Ahearn verzichtete auf Hollywood-Stars und besetzte stattdessen echte Ikonen der Szene: Die Hauptrolle spielte Writer Lee Quiñones neben Lady Pink, während Fab 5 Freddy eine zentrale kreative Rolle übernahm. Auch Pioniere aus Breaking, DJing und Rap traten auf. Wild Style zeigte erstmals das Zusammenspiel der verschiedenen Hip-Hop-Säulen in ihrer rohen Ästhetik und wurde für Jugendliche weltweit zur Initialzündung und zum Vorbild dafür, wie eine von Armut und strukturellem Rassismus betroffene Jugend den öffentlichen Raum nutzen konnte, sich auszudrücken, mit der Gesellschaft in Dialog zu treten und ihre Identität sichtbar zu machen.

5. Wissen – Knowledge

Lance Taylor (Afrika Bambaataa) wuchs in den 1970er-Jahren in der South Bronx auf und wurde als Jugendlicher ein ranghohes Mitglied der Straßengang Black Spades.

Nach einer prägenden Afrikareise und beeinflusst durch den historischen Film Zulu vollzog er einen radikalen Wandel. Er benannte sich nach dem Zulu-Anführer Bhambatha und beschloss, seinen Einfluss zu nutzen, um Bandenkriege durch eine friedliche, kulturorientierte Bewegung zu ersetzen.

Aus den Gangstrukturen formte er die Universal Zulu Nation, die Hip-Hop als kreatives Ventil statt als Waffe einsetzte. Gemeinsam mit Kool DJ Herc und Grandmaster Flash wurde er Teil der legendären „Holy Trinity“ der frühen Hip-Hop-DJs. Während Herc für das Loop-Playing der Breaks und Flash für die technische Präzision des Cutten und Mixens stand, wurde Bambaataa als „Master of Records“ bekannt, der weltweit seltene und funkige Platten aufspürte.

Bis dahin existierten DJing, MCing, Breaking und Graffiti weitgehend als getrennte Jugendphänomene. Bambaataa bündelte sie unter dem Dach der Zulu Nation zu einer zusammenhängenden Kultur. Writer, Tänzer, DJs und Rapper wurden Teil eines gemeinsamen Teams.

Als fünfte Säule definierte er Wissen. In einer Zeit, in der das US-Schulsystem die Geschichte und Identität von Minderheiten häufig ignorierte, sollte Wissen Selbstermächtigung, Black Pride und politisches Bewusstsein fördern. Es bildete das Fundament, das die vier anderen Elemente zusammenhielt: DJs sollten ihre historischen Wurzeln kennen, MCs Inhalte vermitteln und Graffiti-Künstler ihren Platz im urbanen Raum verstehen. Dadurch wurde Hip-Hop zu einer globalen Bewegung für Frieden, Respekt und gesellschaftliche Veränderung.

Woher kommt der Name Hip-Hop?

Der Name „Hip-Hop“ wird häufig Keith „Cowboy“ Wiggins, einem frühen Rapper von Grandmaster Flash and the Furious Five, zugeschrieben. Ende der 1970er-Jahre soll er die Silben „hip-hop“ rhythmisch verwendet haben, um einen Freund zu verspotten, der zur US-Army eingezogen wurde, wobei er den Marschrhythmus von Soldaten nachahmte. Anschließend übernahm Cowboy die Rufe in seinen Auftritten, bevor der Begriff von anderen MCs und schließlich für die gesamte entstehende Kultur verwendet wurde. Da auch Lovebug Starski als möglicher Urheber gilt, ist die genaue Herkunft des Begriffs nicht eindeutig geklärt. 1979 machte die Sugarhill Gang mit „Rapper’s Delight“ Hip-Hop erstmals einem breiten internationalen Publikum bekannt.

In den frühen 1980er-Jahren setzte sich „Hip-Hop“ zunehmend als Oberbegriff für die gesamte entstehende Kultur aus Rap, DJing, Breaking und Graffiti durch. Afrika Bambaataa trug maßgeblich dazu bei, den Begriff für die gesamte Bewegung zu etablieren und Hip-Hop als eine übergreifende kulturelle Ausdrucksform zu verstehen.